Woodshedding

In den alten Zeiten des Barbershop-Singens gab es nichts als das: woodshedding. Und heute? Viel zu selten wird dieses mehrstimmige Extemporieren noch gepflegt (obwohl es eigene Woodshedding-Clubs innerhalb der Barbershop-Organisationen gibt, zum Beispiel AHSOW, die "Ancient and Harmonious Society of Woodshedders"). Mancher von uns hat es vielleicht noch nie versucht. Das wäre insofern erklärlich, als man sich sagen könnte: Ich bin froh, wenn ich die schwierigen vierstimmigen Sätze mit Hilfe von Noten bewältige; ohne diese Hilfe wäre ich aufgeschmissen!

Nun haben selbst die besten Quartette in früheren Zeiten sicher bei weitem nicht so ausgefeilt gesungen wie heutige Champions. Eine bestimmte musikalische Raffinesse wurde erst dadurch möglich, daß man die Töne schriftlich fixierte. Das war jahrzehntelang verpönt, denn wer Noten brauchte, galt unter Barbershoppern als unbegabt. Erst 1948 sang zum ersten Mal ein Meisterquartett, die "Pittsburghers", in einem Wettbewerb ausgeschriebene Sätze.

Durch die Festlegung auf Schriftliches sind zweifellos Techniken verlorengegangen, die unsere "woodsheddenden" Ahnen noch beherrschten: eine Melodie herzunehmen und im Quartett daraus einen vierstimmigen Satz zusammenzusingen. Wie sich das historisch im einzelnen entwickelt hat, können wir nicht genau sagen, eher schon, wie es sich musikalisch zugetragen haben mag. Von einem können wir ausgehen: Diese Leute wollten vierstimmig singen, wirklich vierstimmig, das heißt, möglichst ohne Tonverdopplung. Dabei müssen wir uns vor Augen halten, daß in unserem traditionellen vierstimmigen Gesang weitgehend dreistimmig gesungen wird, weil im Zusammenklang der Stimmen ein Ton, zumeist im Oktavabstand, zweimal vorkommt. Das wollten die alten Barbershopper offenbar vermeiden. Aber wie?

Der Zusammenklang verschiedener Töne orientiert sich in den meisten Kulturen dieser Welt an der sogenannten Obertonreihe - die nicht nur in Akustik-Lehrbüchern zu finden ist, sondern die man hören kann, zumindest in ihrem unteren Bereich. Man konnte sie der Natur ablauschen. Der erste (Oktav über dem Ausgangston), zweite (Quint) und vierte (große Terz) Ton dieser Reihe bildet zum Beispiel unseren famosen Dur-Dreiklang. Den ersten Vierklang mit wirklich unterschiedlichen Tönen bekomme ich, wenn ich den sechsten Ton der Reihe, eine kleine Septime, hinzunehme. Dann entsteht der sogenannte Dominantsept-Akkord (der von C z.B. ist G-H-D-F). Dieser ist also der erste Vierklang, den uns die Natur bietet. Deswegen war er bei den "Alten" und ist er bei uns Heutigen so beliebt. Und besonders begehrt waren Melodien, zu denen man möglichst viele solcher Akkorde singen konnte. Wenn diese Akkorde außerdem in einer ganz bestimmten - und damit lernbaren - Anordnung erschienen, ergab sich der weitere Vorteil, daß man beim vierstimmigen Singen den jeweils nächsten Klang mit größerer Sicherheit vorausfühlen konnte. Und tatsächlich fand man damals eine ganze Menge solcher Melodien, bei denen man Dominantsept-Akkorde in dieser regelmäßigen Anordnung singen konnte. Diese Regelmäßigkeit bestand darin, daß der Grundton des jeweils folgenden Akkords immer eine Quint unter dem des vorausgehenden lag.

Nehmen wir das Stück "Five Foot Two" in C-Dur. Nach der Ausgangstonika auf den ersten drei Wörtern (C-E-G, leider kein Vierklang möglich!) ergeben sich folgende Dominantsept-Akkorde: E-Gis-H-D (auf "eyes of blue, but"), A-Cis-E-G ("oh, what those five foot can do! Has"), D-Fis-A-C ("anybody"), G-H-D-F ("seen my"). Danach, auf dem Wort "girl", erscheint wieder die Tonika. An diesem Beispiel erkennt man, wie - mit E beginnend - die Klänge im Quintabstand abwärts (E-A-D-G-C) springen. Und weil man dieses Harmonien-Spiel über sämtliche Tonarten fortsetzen kann, bis man, sich im Kreise drehend, wieder am Ausgangston ankommt, spricht man vom "Quintenzirkel". Zu allen Zeiten waren solche Melodien besonders barbershop-tauglich, deren zugrundeliegende Harmonien der Ordnung des Quintenzirkels folgen.

Die sangesfreudigen Herren, die im letzten Jahrhundert irgendwo im amerikanischen Süden oder Westen die musikalische Vorarbeit für uns geleistet haben, wußten von alledem wahrscheinlich nichts. Aber sie haben es gefühlt! Daß sie nicht alle strahlende Naturtalente waren, sondern daß sie ihrer Umgebung mit ihren sonderbaren Klängen auch kräftig auf den Geist gingen, läßt das Wort "woodshed" (Holzschuppen) vermuten. Manchem Quartett wird empfohlen worden sein, es möge sich mit seinen Übungen doch bitte in denselben verziehen.

Kurt Gerhardt