Diese Ausgangsfrage beschäftigte nicht nur den deutschen Barbershop-Verband BinG!, sondern praktisch alle Gesangsgruppen, unabhängig von ihrer Größe und Stilrichtung, nachdem die Pandemie unser Hobby zu einer „gefahrgeneigten“ Tätigkeit gemacht hat. Viele Initiativen wurden daraufhin rund um den Globus wiederbelebt oder neu begonnen mit dem Ziel, die nötige räumliche Distanz zu überbrücken. In unserem Projekt haben wir uns aber nicht mit den Ansätzen beschäftigt, durch größere Abstände das Infektionsrisiko zu reduzieren – Singen mit großen Abständen im Freien oder in leeren Parkdecks, Singen in Autos u.ä. –, sondern mit räumlich vollständig getrennten Sängerinnen und Sängern, die trotzdem gleichzeitig singen. Sehr schnell wurde klar, dass gängige Videokonferenzsysteme dies nicht zulassen, weil die Laufzeit der Daten über das Internet wirkliche Gleichzeitigkeit nicht zulässt. Allerdings gab und gibt es mehrere Softwareprodukte, die diese sogenannte Latenz so weit minimieren, dass gleichzeitig gesungene Akkorde tatsächlich möglich sind.

In einer ersten Projektphase haben wir verschiedene Produkte miteinander verglichen in Bezug auf die tatsächlich erreichbare minimale Latenz in einer Testgruppe, die Benutzerfreundlichkeit bei Installation, Konfiguration und Anwendung. Dabei erwies sich in der – zweifelsohne subjektiven – Bewertung des Projektteams das Produkt Jamulus als signifikant überlegen. Allein für Installation und Konfiguration erreichte Jamulus Werte von 8,3 und 7,9 auf einer Skala von 0 bis 10 im Vergleich zu Werten von 5 und weniger bei SoundJack und JamKazam. JackTrip erwies sich als derart „hakelig“ bei der Installation, dass von weiteren Tests abgesehen wurde. In messtechnischer Hinsicht unterschieden sich die Produkte kaum, alle erreichten Latenzwerte von durchschnittlich 38-44 ms, die offenbar stärker von den Anschlussbedingungen der Teilnehmer als vom Produkt abhängen. Bei den vier jeweils durchgeführten Tests – Klatschen, Singen zum Metronom, Singen einer Ballade und eines Uptune – rangierte Jamulus derart deutlich an der Spitze, dass die Entscheidung außerordentlich leicht fiel. Weitere Aspekte, die selbst einen geringeren Abstand von Jamulus zu den anderen Produkten zu dessen Gunsten beeinflusst hätten, sind

  • breite Verfügbarkeit, sowohl auf verschiedenen Hardware-Plattformen als auch in einer Version auf USB-Stick,

  • konstant aktive Entwickler- und Benutzergruppen

  • vollständig quelloffene Software, die Anpassungen und Weiterentwicklungen auf sehr breiter Basis ermöglicht,

  • Nutzbarkeit auf Cloud-Servern, auch als gemanagter Service und auf eigenen Servern,

  • Nutzbarkeit zahlreicher öffentlicher Server zumindest als Einstieg und zu Testzwecken,

  • für die Nutzung speziell von Gesangsgruppen passgenau entwickelte Erweiterungen wie z.B. Delay Panning.

Im weiteren Projektverlauf wurde die Jamulus-Version für USB-Sticks soweit verschlankt und dadurch auf weniger technikaffine Nutzer zugeschnitten, dass sie mittlerweile als gängige Alternative genutzt werden kann, wenn insbesondere auf Windows-basierten Systemen die Audio-Konfiguration zu Problemen führt. Damit wird die Grundidee des Produktes – Automation soweit möglich, Anpassbarkeit, wo nötig – auch in dieser Hinsicht fortgeschrieben.

Ausgehend von der Grundsatzentscheidung für Jamulus sollte durch Lasttests die mögliche Leistungsgrenze des Produktes ermittelt werden. Bei Planung des Tests waren bereits Gruppengrößen von 30 bis äußerstenfalls 60 im praktischen Betrieb dokumentiert und waren technische Tests mit bis zu 150 simulierten Clients durchgeführt worden. Als Zielgrößen für unsere Tests wurden daraufhin 25, 50 und 100 festgelegt. In einem Vorabtest (Stufe 0) wurden Testaufbau und -durchführung verifiziert.


Es wurde jeweils die Systemkonfiguration der Beteiligten dokumentiert sowie deren Bewertung von Installation, Konfiguration, Klangqualität und Gesamteindruck abgefragt. Mit knapp 150 von 175 möglichen Rückmeldungen können die Angaben als brauchbar repräsentativ angesehen werden.

Obwohl bei den Tests ein erheblicher Teil der Beteiligten nur über geringe Erfahrungen mit Jamulus verfügte, zeigten die Bewertungen der Installation und Konfiguration mit 8,0 und 7,5 nur wenig schwächere Werte als bei der Vorauswahl in Phase 1.

Die Latenzen bewegten sich insgesamt auf einem etwas höheren Niveau als bei Phase 1, was auf eine größere Streuung der Anschlussbedingungen deutet. Auffällig ist allerdings, dass der Wert auf einer gemanagten Plattform mit der Teilnehmerzahl merklich stieg, während er sich auf dem selbst konfigurierten Server davon weitgehend unabhängig zeigte.

Serverseitig blieb dabei die Last in Stufe 2 (50-Stimmen-Test) immer unter 50%, in Stufe 3 (100-Stimmen-Test) sogar unter 25%, was sicherlich auch auf die großzügige Server-Dimensionierung zurückzuführen ist. Oben im Bild die Auslegung in Stufe 2, unten in Stufe 3. Durch Parallelisierung der Soundchecks – Überprüfung und bei Bedarf Anpassung der Einstellungen der einzelnen Sängerinnen und Sänger – in mehreren Unterräumen erklärt sich der langsamere Anstieg der Lastkurve. Vor allem organisatorisch hat sich dieser Weg bewährt, wenn viele neue „Jamulisten“ in einer Session zusammenkommen. Da die eingestellten Werte erhalten bleiben, wird der Soundcheck in einer Folgesession deutlich vereinfacht und beschleunigt.



Es stehen allerdings noch die entscheidenden Fragen im Raum: Wie beurteilen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Klangqualität, die ihnen der Server auf ihre Kopfhörer zurückliefert und wie bewerten sie das gemeinsame Singen insgesamt?


Die überragende Bewertung der Klangqualität erklärt auch die Äußerungen von einigen Test-Beteiligten, nach denen das Singen auf diesem Weg gegenüber einer Präsenzprobe sogar Vorteile habe. Diese Einschätzung dürfte in besonderem Maße von dem in der letzten Teststufe eingesetzten Delay Panning beeinflusst sein, das – durch Berechnung von Laufzeitunterschieden des Schalls in einem fiktiven Raum – einen signifikant klareren Klangeindruck vermittelt, der die Identifikation und Ortung einzelner Sängerinnen und Sänger wesentlich verbessert.

Gemessen daran, wird der Gesamteindruck schwächer bewertet. Ursächlich hierfür dürfte vor allem sein, dass sich der Gesang bei ungeübten Beteiligten im Laufe eines Stückes merklich verlangsamt: Das Warten auf den gehörten Ton, um dazu zeitgleich zu singen, bewirkt eine tendenzielle Kumulation der Latenzen der einzelnen Sängerinnen und Sänger. Es hat sich aber bereits gezeigt, dass dieser Effekt mit Übung deutlich reduziert werden kann. Trotzdem ist zum Einstieg das Singen von Akkordfolgen auf Anweisung eines Dirigenten, etwa von Tags, und die Wahl langsamer Stücke in konstantem Tempo unbedingt zu empfehlen.

Jedenfalls bei einer solchen durchdachten Herangehensweise kann die Frage dieses Artikels guten Gewissens mit „Ja“ beantwortet werden.


Für die BinG!-Ensembles ist in diesem Zusammenhang besonders interessant, dass der Vorstand ein „BinG!-Probenhaus“ mit vier kleineren und drei größeren Jamulus-Probenräumen zur Verfügung stellt, die hier reserviert werden können. Die Räume sind als Erinnerung an unsere Harmony Colleges nach Probenmöglichkeiten in der Jugendherberge Oberwesel benannt. Zusätzlich erhalten interessierte Chöre zu ihrer jeweiligen Probenzeit einen Haupt- und vier Nebenräume, alles für sechs Monate finanziert durch BinG!